Irgendwie liest sich der Text unterhaltsam, und der eine oder andere Aspekt verdient sicher Beachtung. Das Problem ist jedoch: Kaplan hat mit seiner Leitthese einfach nicht recht, mehr noch, die Verurteilung der akademischen Ethik ist geradezu schädlich.
Ein kleiner historischer Exkurs ist hier hilfreich. Die angewandte Ethik als wissenschaftliche Disziplin ist »blutjung«. Sie fasste erst in den sechziger Jahren Fuß, und dies in den angelsächsischen Ländern. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde universitär fast ausschließlich um die Bedeutung moralischer Begriffe gestritten, um Subjektivität und Objektivität in der Ethik, auf jeden Fall immer über das Wesen der Ethik. In Deutschland war die angewandte Ethik noch länger verpönt. Es galt das Webersche Postulat der Werturteilsfreiheit: Mit »Fakten« sollte sich die Wissenschaft auseinandersetzen, nicht mit »Werten«. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit »Werten« war sozusagen ein Widerspruch in sich.
Während sich in den angelsächsichen Ländern die angewandte Ethik mittlerweile etabliert hat, ist ihr Wirken in Westeuropa noch eher marginal.
Der (kaum vorhandene) öffentliche Einfluss der angewandten Ethik ist in Deutschland gerade in letzter Zeit sehr schön zu beobachten. Man nehme z. B. eine Diskussionsrunde über moralische Fragen zur Embryonenforschung. Auf der einen Seite sitzen meist Mediziner, die für eine liberale Position in dieser Frage werben, auf der anderen Seite sitzt ein Bischof oder wahlweise auch ein Priester oder Theologe. Diese vertreten aber meist nicht die Meinung ihrer Religion, sondern die Meinung der »Moral«. Sie haben die bekannten »ethischen Bedenken« und halten (vermeintlich) die Fahne der Ethik hoch.
Die säkulare Ethik kann sich von dieser »Übermantelung« nur langsam befreien. Ihr aber dafür die Schuld zu geben, ist einfach absurd. Die Zeit, in der Religion und Moral nicht mehr gleichgesetzt werden, beginnt erst.
Sehr beeindruckend hebt dies Derek Parfit in seinem Buch »Reasons and Persons« hervor: »Der Gottes- und Götterglaube verhinderte die freie Entwicklung des moralischen Denkens. Von der Mehrheit offen bekannter Unglaube ist etwas ganz Neues und wird sich noch weiter ausbreiten. Weil er etwas so Neues ist, steckt die nichtreligiöse Ethik noch in den ersten Anfängen. Wir können noch nicht sagen, ob wir uns - wie in der Mathematik - alle einigen werden. Aber weil wir nicht wissen können, wie sich die Ethik entwickeln wird, ist es nicht unvernünftig, sich großen Hoffnungen hinzugeben.«
Nur Verwirrung schafft auch Kaplans Vorschlag, die »sinnvolle Ethik« als praktische Ethik zu bezeichnen und so von der »überflüssigen und sinnlosen akademischen Ethik« abzugrenzen. Der Begriff »Praktische Ethik« dient ja schon zur Abgrenzung der angewandten Ethik von der Meta-Ethik. Und überhaupt: Wie soll denn bitte diese Trennung aussehen?
Es ist also vonnöten, sich für eine Verbreitung der säkularen Ethik einzusetzen. Und dies auch (und vor allem) für eine Verbreitung der akademischen angewandten Ethik, gerade in Deutschland.
Neben dieser grundsätzlichen Kritik reizen auch einzelne Gedanken aus dem Buch (zumindest aus Tierrechtssicht) zum Widerspruch.
So gibt es beispielsweise für Kaplan in der Ethik Fälle »besonderer Gewissheit«, und diese sind gerade deshalb so gewiss, weil darüber eben nicht oder nicht mehr philosophiert wird. Als Beispiel nennt er die Menschenwürde: »Menschenrechte, Menschenwürde und körperliche Integrität befinden sich jenseits und über aller Diskutierbarkeit.« Hier nachzufragen gilt für Kaplan als »Inbegriff des Obszönen und Überflüssigen«, als »Inbegriff dessen, was nicht mehr begründet oder gerechtfertigt zu werden braucht.«
Aber folgende Frage sei nun doch mal erlaubt:
Ist nicht gerade die Undiskutierbarkeit der Menschenwürde das »Totschlagargument« für den Speziesismus?
Hat nicht gerade Peter Singer in Deutschland am eigenen Leib erfahren müssen, was es bedeutet, wenn die Menschenwürde nicht diskutierbar ist?
Und weist nicht gerade Tom Regan immer wieder darauf hin, dass Menschen, die Tierrechte ablehnen, aber gleichzeitig für die Idee der Menschenrechte eintreten, das Prinzip der Menschenrechte und seine Begründung nicht richtig verstanden haben?
Um etwas aber »richtig« verstehen zu können, müssen stichhaltige Begründungen geliefert werden. Exakt mit dieser Problematik beschäftigt sich ja vor allem die Tierethik, da sie sich quasi von Natur aus nicht mit den bekannten Phrasen zur Menschenwürde zufriedengibt.
Provokativ lässt sich sogar sagen: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass vielen Menschen erst durch die Tierethik überhaupt ein direkter moralischer Status zugesprochen wurde, der ihnen (strenggenommen) der bis dato vorherrschende »Ratiozentrismus« vorenthielt (vgl. zu diesem Aspekt z. B. Anstötz: »Ethik und Behinderung«).
Von einer »Undiskutierbarkeit« sollte unter Berücksichtigung dieser Punkte gerade nicht gesprochen werden. Wer solche Argumente vorbringt, darf sich auch nicht wundern, wenn Tierrechtlern der Mund verboten wird, wenn sie vermeintlich »gefährliche« Fragen stellen.
Auch Kaplans Plädoyer für die »Goldene Regel« lässt Fragen offen. Zwar ist die Goldene Regel an sich recht plausibel. Aber die große Frage in der Ethik ist ja vielmehr, auf wen sich die Goldene Regel bezieht. Wer ist der Absender, und wer kann alles Adressat sein? Gilt sie nur unter »Vernunftwesen«, ist sie gerade aus Tierrechtssicht nicht zu akzeptieren.
Schließt sie aber alle empfindungsfähigen Lebewesen mit ein, läuft es auf eine präferenz-utilitaristische Version der Goldenen Regel hinaus , wie sie der jüngst verstorbene Moralphilosoph R. M. Hare konzipiert hat.
Aber diesen Utilitarismus lehnt ja Kaplan bekanntermaßen ab.
Auch hier ist man geneigt zu sagen: Ein Blick auf die Konsequenzen mancher Aussagen hätte nicht geschadet. Faierweise muss man hier aber anmerken, dass auf 76 Seiten viele Punkte zwangsläufig nur angerissen werden können.