Die weltbekannte Primatenforscherin Jane Goodall erläutert zunächst in einem Vorwort ihren persönlichen Lebensweg und stellt ihr Programm für Jugendliche namens »Roots & Shoots« (ungefähr: »Wurzeln und Schösslinge«) vor, dank dem sich mittlerweile Jugendliche in mehr als 1.500 Gruppen in den USA und aller Welt zum Schutz der Umwelt, der Tiere und der menschlichen Gemeinschaft engagieren. »Bereits in der Schule sollten Kinder lernen, die Gesellschaft, in der sie leben, auch hinsichtlich ihres Umgangs mit Tieren kritisch zu hinterfragen. Wir sollten unseren Kindern die Möglichkeit bieten, einen respektvollen und einfühlsamen Ungang mit allen Lebewesen zu entwickeln, und sie dazu anleiten, auch den Tieren, mit denen wir diesen Planeten teilen, einfühlsam zu begegnen«. Marc Bekoffs Buch fasse die verschiedenen Aspekte des Tierschutzes und der Tierrechte klar und überzeugend zusammen, und sie empfehle es allen ihren »Roots & Shoots« Gruppen.
Im ersten Kapitel erläutert Bekoff seine Vision eines »harmonischen Zusammenlebens mit unseren nicht-menschlichen Verwandten«. Zu einem Plädoyer für persönliches Engagement und ein Bewusstsein über die Tragweite unserer alltäglichen Entscheidungen gesellt sich eine plastische, aber nicht zu brutale Darstellung der traurigen Lebensbedingungen der Tiere. Marc Bekoff ist Verhaltens- und Kognitionsbiologe und hat lange Jahre mit Forschungen an wilden Tieren verbracht. So ist es nicht verwunderlich, dass er immer wieder auch auf die Bedrohung natürlicher Lebensräume zu sprechen kommt.
Im zweiten Kapitel fordert Bekoff am Beispiel von Primaten dazu auf, »den Tieren zuzuhören und ihren Standpunkt einzunehmen«: »Wir sollten immer versuchen, uns in die jeweiligen Individuen mit ihren je eigenen Blickwinkeln hineinzuversetzen, und stets fragen, wie es wäre, ein bestimmtes Individuum zu sein, statt die Dinge nur von unserem anthropozentrischen, menschenbezogenen Standpunkt zu sehen«.
Bekoff erklärt anschaulich, was der von Tierrechtlern verwendete Begriff »Speziesismus« bedeutet und wie jeder Versuch gescheitert ist, die Tiere unter Berufung auf vermeintlich dem Menschen vorbehaltene Eigenschaften wie Sprache oder Verstand aus dem Bereich moralischer Berücksichtigung auszuschließen. Auch hier profitiert Bekoff von seiner Berufserfahrung und trägt einige hochinteressante Beispiele der Kommunikation unter Tieren vor. In den folgenden Kapiteln wird klar und überzeugend dokumentiert, dass Tiere Schmerzen, Angst und Leid empfinden und ganz eindeutig über ein teils hochkomplexes Bewusstsein verfügen.
Im Kapitel über die Tierrechte erklärt Bekoff die grundlegenden Unterschiede zwischen den Positionen von Tierrechtlern und Tierschützern und stellt mit Peter Singer und Tom Regan die wichtigsten Vertreter der Tierrechtsbewegung und deren ethische Modelle vor. Die folgenden Kapitel handeln von angewandten ethischen Fragen, so mit den vielfältigen Auswirkungen von Rücksiedlungsprogrammen für Wildtiere sowie der grundsätzlich Problematik von Zoos, Wildparks und Aquarien. Auch hier gibt es wieder zahlreiche Beispiele und Argumente, die auch für »gestandene« Tierrechtler interessant sein dürften.
Die weiteren Kapitel beschäftigen sich mit Argumenten gegen einen Schutz der Tiere (wie z.B. dem, dass auch in der Natur Grausamkeit herrscht) sowie mit dem Gebrauch der Tiere zu Nahrungs- und Kleidungszwecken und Tierversuchen. Auch hier kommt die Wildnis nicht zu kurz, und Bekoff stellt Dinge in einen globalen Zusammenhang - z.B. indem er erklärt, was eine »Gibson«-Gitarre aus Tropenholz mit der Ausrottung der Menschenaffen zu tun hat.
Immer gelingt Bekoff die Gratwanderung: Es wird unmissverständlich klar, dass er selbst Vegetarier auf dem Weg zum Veganer ist, doch er treibt seine Leser nicht durch moralische Imperative in die Enge. Bekoff nennt Fakten, stellt Verbindungen her und erläutert die Folgen unseres Handelns. Der Wunsch, daran etwas zu ändern, entsteht beim Leser sicher von selbst. Nur dort, wo kaum ein Widerspruch zu erwarten ist, wird Bekoff explizit, so z.B. bei der Ablehnung veralteter und offensichtlich unsinniger Tierversuche.
Auch im abschließenden vierzehnten Kapitel mit der Überschrift »Wohin führt unser Weg? Die Zukunft liegt in unseren Händen« hält Bekoff seine Visionen eher allgemein: »Was also müssen wir tun? Es ist ganz einfach - wir müssen uns fragen, warum wir den Tieren auch weiterhin so grausame Dinge antun und warum wir die Umwelt zerstören ... Es bedarf dringend einiger gravierender Veränderungen in nächster Zukunft, und wir können damit nicht warten, bis wir den Zeitpunkt ihrer Umsetzung für geeignet halten ... Es gibt so vieles, was man tun kann, um anderen Lebewesen und der Welt im Ganzen zu helfen. Diese Welt ist voller Wunder, und die Natur verteilt ihre Geschenke sehr großzügig. Wie ich bereits betonte, gibt es zur Tierquälerei und Grausamkeit immer Alternativen, und es ist wichtig, dies zu bedenken...«
Den Abschluss des Buches machen die »Zwölf Jahrtausend-Mantras«, mit denen Bekoff und Jane Goodall ihre ethische Vision vom neuen Jahrtausend zusammenfassen und die sie als Vorschlag für Leitsätze sehen, mit denen wir für zukünftige Generationen etwas verändern können:
»Zwei: Jedes Leben hat einen Wert und sollte respektiert werden. Jedem Tier wohnt sein oder ihr je eigener Lebensfunke inne. Tiere sind nicht unser Eigentum. Alle lebenden Kreaturen verdienen diese elementaren Rechte: das Recht auf Leben, den Schutz vor Folter und die Freiheit, sich ihrer individuellen Natur gemäß zu entfalten. Wenn wir dem zustimmen, würden wir in anderer Weise mit Tieren umgehen. Jemand, der diese Rechte missachtet, sollte zwingende Gründe angeben könne, und jedes Tier, welches wir schädigen oder verletzen, sollten wir um Verzeihung bitten.«
»Vier: Herrschaft ist nicht gleichzusetzen mit Tyrannei. Unsere »Vorherrschaft« über die Tiere resultiert ausschließlich aus unserem mächtigen und allgegenwärtigen Intellekt - und nicht etwa aus der Tatsache, dass wir moralisch überlegen wären, oder daraus, dass wir ein »Recht« hätten, diejenigen auszubeuten, die sich nicht selbst verteidigen können. Lasst uns unseren Verstand benutzen, um uns von der Tierquälerei abzuwenden und uns dem Mitgefühl zuzuwenden, um statt kalter Gleichgültigkeit Mitleid zu empfinden und um den Schmerz der Tiere in unserem Herzen zu fühlen.«
»Sieben: Geh behutsam mit Tieren um. Greif nur dann ein, wenn es im besten Interesse der Tiere sein wird. Stell dir eine Welt vor, in der wir alle Tiere wirklich respektieren und bewundern, ihnen aufrichtiges Mitgefühl, Mitleid und Verständnis entgegenbringen. Stell dir vor, wie wir dadurch von Schuld befreit werden, bewusst oder unbewusst.
»Acht: Triff mit dem, was du kaufst, tust oder siehst, eine moralische Wahl. In einer konsumorientierten Gesellschaft können unsere individuellen Entscheidungen, sofern wir sie gemeinschaftlich zum Wohl der Tiere und der Natur einsetzen, die Welt schneller verändern, als Gesetze es könnten.«
»Neun: Beweise Zivilcourage. Sag niemals nie. Handle vorausschauend und beuge dem Missbrauch von Tieren vor, bevor er entsteht. Handle jetzt. Habe den Mut, Dinge beim Namen zu nennen, um die kostbaren und empfindlichen Ressourcen der Welt zu retten und zu erhalten. Lebe so gut es geht in Harmonie mit der Natur und respektiere den inneren Wert allen Lebens und des außerordentlichen Zusammenspiels von Erde, Wasser und Luft«.