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Ein Text von Sina Walden 


Die große Aufregung

Wer erliegt nicht - auch wider bessere Einsicht - der Magie runder Zahlen? 2000 Jahre unserer Zeitrechnung, der christlichen, sind ins Land gegangen, eine Markierung, die Rückblicke und Ausblicke auf allen Gebieten veranlasste. Kaum einer davon war von Optimismus gekennzeichnet, gar keiner von Euphorie. Und doch knüpfen sich unbewußt Hoffnungen an ein solches Jubiläum, als ob sich die Weltgeschichte nach dem Dezimalsystem richte. Im neuen Jahrhundert, im neuen Jahrtausend gar, müßte doch irgendwie ein neues Zeitalter beginnen, ein besseres natürlich. Auch über die Tiere wurde - ein bißchen - nachgedacht und über ihre Bedrückung durch den Menschen, über ein neues Zeitalter auch für sie. Kein Optimismus, keine Euphorie, aber ein klein wenig Hoffnung.

Eine leicht verderbliche Hoffnung. Das erste Jahr, das mit einer 2 vor den Nullen begann, hat sich nicht im geringsten als ein Wendepunkt in der Geschichte der Tiere präsentiert, und das zweite begann mit einer Hypostase ohne Beispiel: Die brennenden Scheiterhaufen von Tierleichen vor dem Horizont, die Gebirge von Tierleichen auf Halden und Lastwagen, in die Luft ragende Beine, baumelnde Köpfe. Tote und halbtote Tiere wie Säcke geworfen, lebende, die zur Hinrichtung aufgereiht anstehen, gespenstisch leere Stallungen nach dem Abtransport. Das sind die apokalyptischen Bilder, die anno domini 2001 Europas Verhältnis zu seinen Tieren illustrieren.
Wir mußten auch neue Horrorvokabeln benutzen lernen »Keulung« etwa, (wohl das »Unwort des Jahres«), Kohortenschlachtung, Marktbereinigung durch planmäßige millionenfache Tiervernichtung, vorsorgliche Massentötung.

Ein Rückfall in die Barbarei? So wie auch oft - im Nachhinein - die Untaten der zwölf Jahre Naziherrschaft bezeichnet werden? Also eine Art Unfall mitten in einer Zivilisation, die sich ansonsten zunehmend humanisiert? Doch nur für die, die nie genau hinschauen wollten. In Wahrheit nur die plötzliche grelle Sichtbarkeit des brutalen Ist-Zustands unter einer beschönigenden und selbstbetrügerischen Verhüllung. Bilder aus dem unsäglichen Dasein, in das Tiere gezwungen werden, sind hundertfach gezeigt worden, Wörter aus dem Handbuch des Verbrechens wie »Herodesprämie«, Legebatterie, Lebendtransporte, Kükenvermusung Tierversuch, Turbokuh, Krebsmaus oder Nerzfarm waren längst geläufig. Neu war im Zuge der BSE-und MKS-Krise allenfalls die Schamlosigkeit der Brutalität, mit der »durchgegriffen« wurde, weil eine Störung in der mörderischen Routine eingetreten war. Neu für uns eher das allgemeine Entsetzen, da doch bisher jedes Fußballspiel wichtiger und interessanter war als die Greuel im Bauch der Gesellschaft.
Auf einmal rückten Tierprobleme auf die ersten Seiten der Zeitungen, ins Zentrum der Fernsehberichte. Alle redeten mit, alle redeten viel. Auch ein paar Tierschützer/ innen waren gefragt, die sich erwartungsgemäß gegen Keulungen und gegen das Verbrennen guten Fleisches aussprachen. Nicht gefragt waren Tierrechtler/ innen, und sie meldeten sich auch nicht zu Wort. Warum wohl nicht?

Ihre Abwesenheit im Chor der Empörten bot manchen unserer journalistischen Freunde Anlaß zu dem üblichen höhnischen Ton. Wo bleiben sie denn, die Radikalen? Die Rinder sind ihnen wohl zu groß für Befreiungen, der Weg nach Indien ins Land der Heiligen Kühe zu teuer ! Keine Großdemos gegen das »sinnlose Töten« ! Keine Morddrohungen gegen EU-Kommissare und Landwirtschaftsminister! - Und so haben sie wieder den schwarzen Peter - jahraus, jahrein nerven sie mit ihren Protesten, und wenn so viele Tiere »sinnlos« sterben müssen, bewahren sie sie nicht davor...
Lachhaft, ja, aber was uns diese Tonart aufzeigt, ist die Kluft, die nach wie vor zwischen der Mehrheit der Gesellschaft und unserem Denken besteht. Als - zum Beispiel - einige Tierrechtler/ innen ihrem Impuls folgten und die erste »Keulung« in Bayern verhindern wollten, (was einem echten Volkszorn möglich gewesen wäre), wähnten sie sich Seite an Seite mit den aufgebrachten Bauern, getragen von der ganzen Bevölkerung. Und mußten erleben, daß der Besitzer des betroffenen Hofes, umringt von mehr als tausend kraftstrotzenden Kollegen mit Traktoren und »Protest«fackeln, kampflos seine Herde auslieferte und selbst eine Mutterkuh, die vor Schreck während der Vorbereitung des Abtransports ein Kälbchen zur Welt brachte, samt ihrem Neugeborenen der Vernichtung und Verbrennung überließ. Die tausend Bauern sahen im Fackelschein ruhig zu, wie die Polizei die schreienden Tierrechtler/innen abräumte, die sich vor den LKW drängten.

Die Bauern sind nicht unsere Verbündeten und die »Verbraucher« nicht und nicht die Politiker.
Die Botschaft von den Rechten der Tiere auf diesem Planeten ist noch nicht zu den Mägen vorgedrungen. Was hätten wir anläßlich der Großen Aufregung tun sollen, was können wir tun, wir, die wir nicht weniger entsetzt als alle auf die Bilder starrten und die Nachrichten schluckten? Die wir aber, anders als alle, schon lange mit dem Bewußtsein der tagtäglichen Massenmorde leben, die wir als nicht weniger sinnlos ansehen als die Brandopfer. Die mehrheitlich sogar glauben, daß der überstürzt schnelle Tod die Tiere vor den lang anhaltenden Qualen bewahrt, die ihr sogenanntes Leben sonst darstellt und an dessen Ende ohnehin ausweglos der Weg in den Schlachthof steht. Ingrid Newkirk, die Leiterin von PETA, hat provokativ den Wunsch geäußert, die MKS (Mund-und Fußkrankheit, wie sprachbewußte TierrechtlerInnen sagen) möge auf die USA übergreifen, um die Fleischindustrie zu ruinieren, was ihr natürlich Wut und Schelte von denen eintrug, die schließlich gesunde Tiere töten und essen wollen. Aber auch die, die nicht so politisch denken wie Ingrid und die zusätzlichen Leiden der Krankheiten und der dadurch provozierten Gewaltorgien nicht wegstecken können, sind zerrissen, da ihnen die BSE-Furcht als Glücksfall erscheinen muß. Sind nicht mit einem Schlag Dinge passiert, für die sie sich jahrelang nahezu erfolglos abgearbeitet haben? Der Fleischkonsum sank um kaum erträumte Prozentzahlen, Tiertransporte kamen zum Stillstand, weil selbst weit entfernte Länder wie die arabischen die elende Fracht nicht mehr haben wollten, Schlachthöfe schränkten die »Arbeit« ein oder machten zu, Die heimtückisch in alle möglichen Produkte eingebrachte Gelatine war plötzlich ersetzbar, Kindergärten und Kantinen und Nobelrestaurants konnten auf einmal auch genießbares Essen ohne kannibalische Bestandteile servieren, in Paris stellten gar zwei der berühmtesten Gourmetköche ihren Speiseplan dauerhaft auf vegetarisch um. Jeden Tag eine Freudenbotschaft, parallel zum Horror.

Dauerhaft wird freilich weniges sein von dem, was sich da überraschend als möglich und machbar erwiesen hat. Die PR-Abteilungen der Tierausbeuterindustrien arbeiten auf Hochtouren und ihre Erfüllungsgehilfen in der Politik tun das ihre, um »das Vertrauen der Verbraucher« zurückzugewinnen, für die alles zu schnell ging, um die lieben Gewohnheiten abzulegen. Die alten Weichen werden neu gestellt. Der Schock, den BSE und MKS und die brutalen behördlichen Maßnahmen in weiten Kreisen der Bevölkerung erzeugt haben, ist einmal mehr an der Mauer des Omnivorismus abgeprallt.«Was können wir denn noch essen?« war die meistgestellte Frage in diesen Wochen und Monaten. Also Rind erstmal nicht, wegen der möglichen Gefährdung der eigenen Gesundheit, aber da kann ja auf mehr Geflügel umgestiegen werden, Pute ist besonders angesagt, dazu mal ein bißchen mehr Mut zum Exotischen wie Känguru, Strauß und Krokodil.

Wie ein Scheinwerfer hat die Große Aufregung den Stand der Dinge beleuchtet. Die sich zivilisiert glaubende Gesellschaft will die Quadratur des Kreises: Tiere töten und essen und sie nett behandelt wissen. Einheitlich die Empörung darüber, daß vegetarischen Kühen Mehl aus Tierleichen als Nahrung zugemutet wurde. Auch scharfe Worte gegen die Massentierhaltung. Durchaus tierschützerische Impulse. Aber die grundsätzliche selbsterteilte Lizenz zum Töten wird nicht infrage gestellt.

Genau betrachtet auch nicht das »Recht«, Leiden zu erzeugen. Wenn es nur »sinnvoll« ist. Wie etwa das der Puten im Massenpferch, die für die Ausfälle der gerade bedauerten, so wenig »artgerecht« gehaltenen und ernährten Grasesser einspringen müssen. Der Leidensweg der Rinder, Schafe und Schweine, obwohl im Rampenlicht, erzeugt erst bei ihrem etwas ungewöhnlichen Tod einige Gefühlsregungen. Hat aber jemand einen einzigen Ton des Mitleids mit den wahnsinnig gemachten Tieren gehört, den Schmerzen der Krankheit, unter der sie vor Millionen Augen zusammenbrechen? Die Reaktion auf solche ins Gemüt schneidenden Wahrnehmungen nimmt im selben Augenblick eine wundersame Wendung. Nicht den betroffenen Opfern wird Mitgefühl zuteil, sondern den potentiellen menschlichen, vor allem sich selbst. Und so heißt die Antwort nicht Tierschutz sondern - Verbraucherschutz. Im gegebenen Fall durch Austreibung des Übels mittels Amok gegen Kranke wie Gesunde. In England sogar mit Hilfe regulärer Soldaten, einem schönen Symbol für die Wahrheit: Krieg gegen Tiere. Niederschlagung des Aufstands von unbotmäßigen Besiegten. Im Krieg sind Gefühle für den Gegner nicht angebracht. Bestenfalls kühl artikulierte »ethische Bedenken«.
Den Gordischen Knoten aus Tierausbeutung und Tiersympathie, der unsere Gegenwart charakterisiert, haben die Ereignisse des Jahres 2001 nicht durchschlagen können. Aber sie könnten vielleicht doch dazu gedient haben, seine Stränge schneller zu entwirren. Neben den anthropozentrischen Mainstream-Reaktionen drangen erstmals in beachtlicher Zahl und Art Denkansätze zutage, die vor der Großen Aufregung öffentlich außerhalb der Tierrechtsszene kaum existierten. Seltsam zwar, daß Intellektuelle wie der namhafte Soziologe Ulrich Beck, der plötzlich die Menschheit »eine terroristische Vereinigung« gegen die Tiere nennt, oder der berühmte Philosoph Peter Sloterdeijk, der plötzlich zu Militanz in der Sache der Tiere aufruft, erst durch die spektakulären Tierkrankeiten zu ihren Erkenntnissen kommen; seltsam auch, daß die ehrgeizige »Woche« (neben den Fleischrezepten ihres stets auf der ersten Seite präsentierten dicken gemütlichen Kochs) einen zweiseitigen Artikel über die »Kulturgeschichte einer erbarmungslosen Beziehung« publiziert oder der zeitgeisttreue »Focus« eine positive Titelgeschichte über Vegetarismus mit Fotos garniert, die das bunte gesunde Veggieessen geradezu »kult » erscheinen lassen. Kaum waren die Rindfleischgerichte wie von Zauberhand von den Restaurantspeisekarten verschwunden und die Metzgereien fast leer von Waren und Kunden, häuften sich in allen Medien in Wort und Bild die Berichte über die wunderbaren kognitiven und emotionalen Fähigkeiten von Tieren. Über die Vorteile fleischloser Ernährung. Über den verwerflichen Umgang des Menschen mit seinen Mitgeschöpfen. Haben sie alle vor BSE und MKS nichts von alledem gewußt?
Oder- und hier könnte die Hoffnung der Skepsis wieder ein teuflisches Schnippchen schlagen - war, ist die neue Nachdenklichkeit vielleicht das Symptom eines unterschwellig schon heranreifenden kollektiven Umdenkens? Ist insgesamt die unverhältnismäßige, fast hysterische Angst vor Gesundheitsgefahren nicht vielleicht Ausdruck eines viel tiefer sitzenden Unbehagens an dem verbrecherischen Umgang mit der Tierwelt, ein aus dem Unbewußten aufsteigendes Schuldgefühl? Mag sein, daß die überraschend aufgebrochenen Einsichten schnell wieder eingemottet werden, daß der Boom im Verkauf vegetarischer Kochbücher und Produkte wieder zurückschwappt und die Verdrängungsmechanismen wieder greifen. Das ist sogar wahrscheinlich, denn der GAU war noch nicht groß genug. Und doch meint die Hoffnung, daß etwas zurückbleibt von dem großen Schrecken und von der ungewohnt breiten Publizität der Greuel unserer Sklavenhaltergesellschaft. Vielleicht etwas, das sich wie ein evolutionärer Schub auswirkt auf die Substanz des Tierrechts- und Tierbefreiungsdenkens, das sich langsam und leise, aber stetig entwickelt, wie sich an der steigenden Menge der in den letzten Jahren veröffentlichten einschlägigen Bücher und an anderen Zeugnissen, wie etwa der wachsenden Zahl der Veganer/innen, nachweisen läßt.
Machen wir's nicht an runden Zahlen fest: Das Jahrhundert ist noch jung.

Sina Walden



Dieser im Mai 2001 verfasste Text stammt aus dem Tierschutz-Kalender 2002
 
 


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