Eine längst erwachsene Frau, graue Strähnen inklusive, sinkt jeden Abend in ein Kinderbett - ihr Kinderbett, bezogen mit Katzen, Hasilein, Sternen. Sie meint, sich die Idylle verdient zu haben; wer hätte denn ein Recht auf solchen Tierbabylein feiernden Kitsch, wenn nicht sie und ihresgleichen?
Hin und wieder kauft sie auch Kinderbücher. »Gehört das so??!« - das scheint ihr die beste aller möglichen Fragen. Gestellt hat diese Frage auch der Autor Peter Schössow, auf eindrucksvolle Weise, wofür er mit dem Deutschen Jugendliteratur Preis 2006 geehrt worden ist. Der Hanser Verlag über den Inhalt der Geschichte selbigen Namens: »Auf einmal ist sie da, die Kleine mit der viel zu großen Lacklederhandtasche, stiefelt durch den Park und meckert die Leute an. Ist die noch ganz bei Trost? Das kann man doch nicht machen, einfach so! Und wenn die Kleine einen Grund für ihre schlechte Laune hätte? Und der Grund hieße Elvis?«
Das Mädchen trauert so wortkarg wie heftig - um seinen Kanarienvogel. Am Anfang sieht man einen spartanischen leeren Käfig mit offener Tür. Auf den nächsten Seiten zieht die Kleine mit ihrer Tasche im Schlepp durch einen grüngoldenen Park, vorbei an Menschen mit Hunden, einem bestürzten Teddybären, weiteren erstaunlichen Gestalten ... und bolzt finsteren Blicks nach allem, was ihr vor die Füße kommt, ob Becher, Stein oder Papier. Mit geballten Fäusten brüllt sie ihren Schmerz hinaus, schreit überall die Leute an: »Gehört das so??!«. Erspart den Vorwurf nicht mal einem Schmetterling.
Die Clique mit dem Bären trabt ihr nach, wißbegierig, bis eine sich zu fragen traut und es zur Auflösung kommt: »Sie öffnete ihre knallrote Lackleder-Omahandtasche, hielt sie uns unter die Nase und fing an zu weinen: >>
mein Elvis!!!<< In der Tasche lag ein kleiner gelber Vogel und war tot.« - Versteht sich, daß es zu einer würdigen Bestattung kommt, im grüngoldenen Park. Man hält einander in den Armen und rühmt den Verblichenen. Stellt sich einen Himmel vor, in dem der Vogel Elvis auf seinen Namensvetter träfe, den King of Rock ` n` Roll. Die Lange hält das Kind auf dem Schoß. Der kleinste der Herren steht auf seinem Koffer, nur so für eine Umarmung groß genug; und auch der Bär schmiegt sich an. »Schön war´s.« So lautet der finale Satz der Geschichte.
Auf den ersten Blick: Ein wunderbar gemachtes Kinderbuch. Zur Unterweisung in puncto Tod nicht das schlechteste Mittel.
Auf den zweiten Blick: Noch immer ein toll gemachtes Kinderbuch. Allerdings auch eines, das ungewollt tief blicken läßt in unsere typisch menschliche Denke, die anderen Tiere betreffend. Hier also all die Fragen, die das Buch nicht stellt: Ist Elvis vielleicht daran gestorben, daß sein Wohnraum ein winziger Käfig war? Oder an Einsamkeit?
Und wer war die Lackledertasche?
Ein Kalb mit Namen Elvis vielleicht, das unsereins zum Fleisch- und Lederlieferanten herabgewürdigt hat? Und brennt Elvis dort - auf dem Grill der Leute im Park? Das Kälbchen Elvis, um das nie ein Mensch geweint hat ... keine Freunde weit und breit, die es bestatten, betrauern und in Gedanken immer liebhaben wollten?
Ach, trüge die Kleine ihren Toten doch in einem Jutesäckchen ...
Hey, Mädel! Bolz doch mal vor den Grill! Und brüll die Großen an: »Gehört das so??!«
Kann man mit Tieren ernsthaft befreundet sein? Gewiß doch. Und sicher mit (beinahe) allen. Unterschiede zu konstruieren zwischen plüschigen Gefährten einerseits und Stücken Nutzvieh andererseits: eine maximal gemeine, an allen Fakten vorbei krachende Konstruktion, die der mündige Mensch sich selbst letztlich nicht glauben mag.
Eine längst erwachsene Frau sinkt jeden Abend in ihr Kinderbett, im Schlaf alles um sich herum vergessend. Vor langem war sie ein kleines Mädchen, dem man versprochen hat, es werde aufwachsen in einer humanen, auch die Tiere liebenden Welt. Stattdessen: Vernichtung am Fließband wohin man auch schaut. Wir schinden Elvis. Wir schlachten Elvis. Zig Milliarden Mal pro Jahr ... Vernichtung sogar der Hunde und Katzen: Ertrinkende in den Meeren einer verlogenen Tierliebe; Opfer einer Menschheit, die die Verhältnisse nicht kennen will und sich behaglich eingerichtet hat in ihrem Desinteresse und mangelnden Sachverstand. Wie klein ist doch die Schar der Geretteten.
Von allen Fragen auch diese: Darf man seine Kinder so belügen?
Ute Esselmann